„Da musste ich auch durch“ – Warum dieser Satz Entwicklung verhindert

„Da musste ich auch durch“ klingt nach Erfahrung – blockiert aber Lernen. Warum Härte kein Konzept ist und wie echte Entwicklung in der Ausbildung entsteht.
Ein Mentor unterstützt einen Azubi wertschätzend bei einer komplexen Aufgabe – Symbol für psychologische Sicherheit statt Härte.

Ich erinnere mich noch genau an meine eigene Ausbildung. Mein Ausbilder war fachlich eine Koryphäe, ich habe unglaublich viel von ihm gelernt. Aber da war diese eine Art, die mir heute noch eine Gänsehaut verursacht. Wenn ich einen Fehler in den Antragsunterlagen gemacht hatte – Projekte, die ich Kunden oft schon fest zugesagt hatte –, kam er vorbei. 

Er knallte mir die Mappe im Vorbeigehen auf den Tisch, sagte in einer Eiseskälte: „Schau nochmal drüber, das passt überhaupt nicht“, und erledigte andere Sachen, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.

Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig.

Ich wusste: Das waren keine Übungsaufgaben.
Das waren echte Anträge. Dinge, die ich so bereits Kunden zugesagt hatte.

Also suchte ich.
Konzentriert, fiebrig, mit diesem Druck im Nacken, bloß nichts zu übersehen.

Manchmal fand ich den Fehler.
Manchmal nicht.

Und genau dann wurde es unangenehm.
Denn die eigentliche Hürde war nicht der Fehler.

Es war die Frage, ob ich mich traute, noch einmal hinzugehen.

Also suchte ich weiter.
Verlor Zeit, wurde unsicherer. Und mit jedem Moment wuchs die Angst, den nächsten Fehler zu machen.

Ich habe in diesen Momenten keine Fachlichkeit gelernt. Ich habe gelernt, wie sich nackte Angst anfühlt. Ich habe wertvolle Zeit vergeudet und eine tiefe Verunsicherung entwickelt, die mich gelähmt hat, statt mich zu beflügeln.

Dieser Text ist für alle, die heute selbst ausbilden. Denn dieser Moment – dieses „Lass den Azubi mal zappeln, da musste ich auch durch“ – ist kein pädagogisches Werkzeug. Es ist eine Wachstumsbremse.

Zwischen Tradition und Trauma: Die Realität in den Betrieben

In vielen Betrieben gilt die Leidensfähigkeit noch immer als inoffizieller Lehrplan. Wir verkaufen Schmerz als Charakterbildung. Doch Hand aufs Herz: Härte ist kein Qualitätsmerkmal für gute Ausbildung. Wer seine Azubis im Regen stehen lässt, nur weil er selbst keinen Schirm hatte, produziert keine Profis, sondern lediglich Menschen, die gelernt haben, den Kopf einzuziehen.

Wenn wir Ausbildung als eine Art „Survival-Training“ missverstehen, sabotieren wir das eigentliche Ziel: den schnellen und sicheren Aufbau von Kompetenz. Wer im Überlebensmodus ist, lernt nicht. Er funktioniert nur noch.

Der große Denkfehler: Warum Härte die Entwicklung sabotiert

Der fatale Irrtum liegt in der Annahme, dass psychischer Druck die Leistung steigert. In Wahrheit blockiert er die Neugier. Mein damaliges Erlebnis hat mich nicht fachlich besser gemacht – es hat mich Zeit gekostet, die ich für echte Weiterentwicklung hätte nutzen können.

Wenn wir heute von jungen Talenten verlangen, die gleichen emotionalen Hürden zu nehmen wie wir vor 20 Jahren, dann bilden wir am Bedarf vorbei. In einer Welt, die Mitdenken und Innovation braucht, ist „Angst vor dem Fehler“ der größte Feind der Qualität. Wer segeln lernen will, braucht jemanden, der ihm die Navigation erklärt, und niemanden, der zuschaut, wie das Boot gegen die Klippen fährt.

5 Impulse für eine Ausbildung mit Haltung statt Härte

1️⃣ Die eigene Geschichte reflektieren

Nimm Dir einen Moment Zeit und schau zurück auf Deine eigene Lehrzeit. Welche der damaligen „Prüfungen“ haben Dir wirklich fachlich weitergeholfen und welche waren einfach nur demütigend oder unnötig anstrengend? Wenn Du den Unterschied erkennst, kannst Du entscheiden, welche Erfahrungen Du Deinen Azubis ersparen möchtest, ohne den fachlichen Anspruch zu senken.

2️⃣ Psychologische Sicherheit als Fundament etablieren

Sorg dafür, dass Dein Azubi weiß: Fragen sind keine Schwäche und Fehler sind keine Katastrophen. Wenn die Angst vor der Reaktion des Ausbilders verschwindet, wird die Energie frei, die für echtes Lernen gebraucht wird. Ein sicherer Hafen ist die Grundvoraussetzung dafür, dass jemand den Mut findet, später auch bei echtem Wellengang das Steuer zu übernehmen.

3️⃣ Mentoring statt „Friss oder stirb“

Ersetze das Alleinlassen durch gezielte Begleitung. Das bedeutet nicht, alles vorzukauen, sondern den Rahmen so zu stecken, dass der Azubi an der Aufgabe wachsen kann, ohne daran zu zerbrechen. Sei der Windschatten, in dem er seine Technik verfeinern kann, bevor er sich dem echten Wettbewerb stellt.

4️⃣ Sprache bewusst wählen

Streich den Satz „Da musste ich auch durch“ aus Deinem Repertoire. Ersetze ihn durch: „Ich erinnere mich, dass das für mich damals auch schwierig war. Lass uns schauen, was Du brauchst, um diesen Schritt sicher zu meistern.“ Damit validierst Du die Herausforderung, ohne sie zur unüberwindbaren Hürde zu verklären.

5️⃣ Erfolg über Wachstum definieren, nicht über Schmerz

Feiert die Momente, in denen ein Azubi eine komplexe Aufgabe verstanden hat, weil er die richtige Unterstützung hatte. Mach deutlich, dass exzellente Ergebnisse das Ziel sind – und dass der Weg dorthin durch Klarheit und Struktur führt, nicht durch unnötigen Widerstand.

Der Nutzen: Warum sich der Perspektivwechsel lohnt

Wenn Du Dich entscheidest, den Sturm zu bändigen, gewinnst Du auf allen Ebenen. Das Lernen wird nachhaltig, weil es auf Verständnis basiert, nicht auf Auswendiglernen unter Druck. Die Abbruchquoten sinken, weil sich die Azubis gesehen und wertgeschätzt fühlen – eine Bindung, die weit über den Ausbildungsvertrag hinausreicht.

Am Ende stehen stärkere Azubis. Nicht stark, weil sie viel eingesteckt haben, sondern stark, weil sie eine Identität als fähige Fachkräfte entwickeln konnten. Sie werden zu Botschaftern Deines Unternehmens, weil sie wissen: Hier werde ich nicht gebrochen, hier werde ich geformt.

Fazit: Der Sturm hat Dich geprägt, aber es ist kein Ausbildungsplan

Erinnerst Du Dich an das Zitat vom Montag? Wir müssen nicht nass werden, um Segeln zu lernen. Wahre Meisterschaft entsteht in einem Umfeld, das Herausforderung bietet, aber Schutz gewährt.

Welchen alten Glaubenssatz darfst Du heute über Bord werfen, um Platz für echtes Wachstum zu schaffen? Bist Du bereit, die Person zu sein, die Du selbst damals gebraucht hättest?

Ergänzung: Der „Haus-einreißen“-Irrtum (Fortsetzung der Story)

Später, im Fachwirte-Lehrgang, begegnete mir genau das gleiche Prinzip wieder. Es war fast schon methodisch: Wir wurden erst einmal völlig niedergemacht. Man behandelte uns, als hätten wir von absolut nichts eine Ahnung, obwohl wir alle bereits jahrelange Praxiserfahrung mitbrachten. Die Philosophie dahinter? „Wir reißen das alte Haus erst mal komplett ein, um es dann neu aufzubauen.“

Aber mal ganz ehrlich: Macht das wirklich Sinn?

Warum müssen wir Fundamente zerstören, auf denen man wunderbar hätte anbauen können? Dieses psychologische „Brechen“, um dann nach dem eigenen Ebenbild neu zu formen, ist kein modernes Lernkonzept – es ist Machtmissbrauch unter dem Deckmantel der Qualitätssicherung. Es vernichtet Selbstvertrauen und wertvolle Zeit.

Wahre Exzellenz entsteht nicht dadurch, dass man Menschen klein macht, damit sie sich später dankbar wieder aufrichten dürfen. Sie entsteht, wenn wir auf dem vorhandenen Potenzial aufbauen und die bestehende Substanz veredeln. 

Alles andere ist kein Lehren, sondern Einschüchtern.

Mit über 25 Jahren Erfahrung in Ausbildung, Praxis und Führung vereint Astrid Leitl tiefes Fachwissen mit echter Leidenschaft. Ihre Mission: Ausbildungs- und Fortbildungsprozesse so gestalten, dass sie nicht nur funktionieren – sondern begeistern und nachhaltig wirken.

Picture of Astrid Leitl
Astrid Leitl

Gepr. Berufspädagogin (IHK) / Master Professional of Vocational Training (CCI)